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Die Grashalme biegen sich und schütteln den Morgentau ab. Hier knarzt ein alter Ast, den die Welt schon vergessen hat. Hier flattert ein Vogel auf, der seine Morgenandacht unterbrechen muss. Die Rehe aber bleiben mucksmäuschenstill im Unterholz und lassen die Menschen passieren, die da mit leichtem Pedaltritt über die Wurzeln und Moos-Kuppen radeln, auf schmalen Pfaden, die sich das Wild erlaufen hat, über feuchte Wiesenmatten, die vollgesogen sind vom Nass der Nacht.
Die Mountainbiker-Gruppe des Moutainbike-Guide-Seminars, der vhs Rhön und Grabfeld und des ADFC, ist irgendwo im Dickicht hinter Oberwaldbehrungen versteckt. Es könnte auch schon der Sondheimer Forst sein oder gar schon die Waldung, die hinunter in das Ostheimer Tal führt. Genaueres wissen Thomas Froitzheim und sein Mitarbeiter.
Aber der steht vielleicht 200 Meter entfernt auf dem Waldweg, von dem die Biker-Gruppe in das Dickicht abgebogen ist.
Eine Irrfahrt zum Anfang
„Mal sehen, wann sie es merken“, lächelt Froitzheim. Er weiß, dass die übereifrigen Pedalritter die falsche Abzweigung genommen haben, trotz Hightech an ihren Lenkern. Ein kleiner rechteckiger Kasten, etwas schmaler als ein Handy, ist der Wegweiser für die Mountainbiker hier im Rhöner Unterholz. Die drei Zauberbuchstaben dazu lauten GPS. Sie bedeuten Global Positioning System, also System zur weltweiten Positionsbestimmung.
Thomas Froitzheim arbeitet für eine Firma, die solche GPS-Systeme für Fahrradfahrer anbietet. Vor allem aber ist er ein wichtiger Funktionär im ADAC für Radfahrer, dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), und hier vor allem im Fachausschuss für Radtourismus aktiv.
Durch die leicht orientierungslose Radlergruppe geht ein Raunen, Hände weisen in allerlei Richtungen. Dann werden die Räder um 180 Grad gedreht und es geht zurück auf den Waldweg, auf dem Thomas Froitzheim wartet. „Es benötigt durchaus etwas Übung, um den Richtungspfeil auf dem GPS-Display richtig zu interpretieren“, sagt der Fachmann. Man hat nicht den Komfort eines Auto-Navigationsgeräts, auch nicht den unveränderlichen Straßenverlauf. Dem GPS am Rad bleibt kein Winkel dieser Welt verborgen. Oder wenigstens fast kein Winkel.
Thomas Froitzheim hat bei dieser Tour einen Mitwisser: Jochen Heinke, den ADFC-Kreisvorsitzenden und Hauptakteur in Sachen Radweg und MTB-Beschilderung in Rhön-Grabfeld. Die beiden haben im Vorfeld die Route rund um Oberwaldbehrungen ausgearbeitet, die der Gruppe die Kniffe der GPS-Orientierung beibringen soll.
Da ist Gabi, die Mittdreißigerin aus der Schweinfurter Ecke: „Wir bieten seit einiger Zeit Themen-Radwanderungen rund um Schweinfurt an, die eine oder andere GPS-Tour könnte unseren Tourenplan schön ergänzen.“ Dann gibt es den altgedienten ADFC-Kempen aus dem Hessischen, der die Mitglieder seines Kreisverbands mit modernster Technik zu leiten gedenkt. Thomas Froitzheim selbst radelt, wenn es ihm die Zeit erlaubt, im Bergischen Land.
Auf dem Dachsberg hat die Gruppe den ersten Kontakt mit GPS. Rund ein Dutzend blinkender Punkte zeigt auf dem Display ebenso viele Satelliten, die in über 20 000 Kilometer Höhe ihr Signal zu den Radlern senden.
Bewegungslos starren sie auf das Display. So könnte das Verhängnis seinen Lauf nehmen. Denn als Froitzheim fragt, wohin der Pfeil zeigt, weist ein Dutzend Arme in ein Dutzend verschiedener Richtungen. „Die erste Regel lautet: GPS funktioniert nur in Bewegung“, sagt der Kursleiter. Denn das GPS-Gerät errechnet seine Position aus der Entfernungsbewegung zu den verfügbaren Satelliten, und zwar bis auf etwa zehn Meter genau. Wenn allerdings der Empfänger nicht in Bewegung ist, wird der Rechner irregeleitet und weist mal in diese, mal in jene Richtung. Das bedeutet an jeder Haltestelle oder Kreuzung, dass man erst einmal einige Meter fahren muss, ehe GPS einem die richtige Richtung sagt. Einmal in Fahrt gekommen, kann der Tross aber vergnügt und entspannt den Waldweg entlangdüsen, der die Gruppe über die Rhöner Kuppen führt. Nach wenigen Kilometern ist der alte Säumerpfad erreicht, der einst vom Fuldischen hinunter ins Grabfeld führte.
Die GPS-Geräte der Kursteilnehmer verheißen einen geheimnisvollen Bunker, der irgendwo im Wald versteckt sein muss, den aber das Radler-Navi schon ins Visier genommen hat. Aber zuerst einmal wird die Biker-Gruppe aus dem Sauerland begrüßt, die ihren Jahresausflug in der Rhön verbringt und justament die Pfade der GPS-Novizen quert. Auf dem Säumerpfad und dem so genannten Hundsrück geht‘s für die Westfalen hinauf zur Thüringer Hütte und weiter in die oberen Regionen der Rhön. Auch im Westen der Republik weiß man, wo die guten Bike-Reviere liegen.
Weiter geht es auf den Spuren des GPS in Richtung Bunker. Es ist ein neuer Trinkwasserbrunnen. Der Blick eines Naturfreunds schweift etwas ab an den Waldrand. „Seht mal, eine Teufelskralle wächst hier“, ruft er verzückt und nimmt das seltene Gewächs in Augenschein. In Zeiten von GPS wird ein solcher Ort zum POI, zum „Point of Interest“, also zu einem interessanten Standort.
Das kann im Auto-Navi ein Gasthaus oder ein öffentliches WC sein oder eben ein Teufelskrallen-Standort für den naturverbundenen Radfahrer. „Solche POIs kann man sich beliebig zusammenstellen zu einer eigenen Tour“, erklärt Thomas Froitzheim. So kann ein Radler, der auf einen geheimen Trail oder einen unvergesslichen Aussichtspunkt gestoßen ist, seine Fundstellen einprogrammieren und zu jedem Zeitpunkt wieder ansteuern.
GPS-Touren für die Rhön gibt es noch nicht allzu viele, aber Jochen Heinke hat schon einige Trips auf seiner Internetseite zusammengestellt.Womöglich ist auch schon der alte Kalkofen eingetragen, den Jochen Heinke und Thomas Froitzheim auf der Übungstour anfahren lassen. Von der Kalkbrennerei bei Sondheim sind kaum mehr als eine Grube und ein paar Steine übrig geblieben.
Auf dem Weg dorthin biegen sich die Grashalme und zittert der Morgentau auf dem Herbstlaub. Mit GPS kommt man dorthin, wo Radfahren am schönsten ist. Gerhard Fischer mit frdl. Genehmigung der Mainpost
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